Zum Titel

Dinge führen in der Ukraine ein wundersames Dasein: scheinbar unbeweglich, aber nicht tot; ohne Alter, aber die Geschichte in sich, die sie mit den Menschen verbindet. Wie die Menschen sind auch ihre Dinge nie allein. Es sind keine Gegenstände und doch bildgebende Objekte der Wahrnehmung. Natürlich gibt es auch brachliegende, die auf bessere Zeiten (z. B. auf den Umweltschutz) warten, aber in der Ausstellung geht es um alle anderen – die von den Menschen seltsam zum Leben erweckten oder das Leben der Menschen auf überraschende Weise erweckenden Objekte.
Nicht nur, dass an sie geglaubt wird, als könnten sie reden. Dinge erfahren in der Ukraine eine Anziehung, die sich zugleich in einer ebenso starken Ablehnung zur Schau stellt: Es gibt wenige und haufenweise zugleich oder wertlose, die teuer sind. Es gibt Dinge, die so wertvoll sind, dass es sie anderswo, wie hier, nicht geben könnte, weil sie auf bestimmte Art unbezahlbar wären. Das Auffällige aber bleibt, dass sie, wo die Zeit über sie hinweg fährt, ihre Stellungen und Orte, immer neben und mit den Menschen positioniert, verteidigen konnten. Ein Ding, das allein auftritt und mit einem Preisschild um den Hals hinter geputzter Scheibe dem Betrachter entgegenlacht, findet man an Orten, wo der Puls der Stadt schlägt, nur in den seltensten Fällen. Lieber dürsten zwei Dinge gemeinsam und ohne Hoffnung auf bessere Aussicht, als sich alleine am verdächtig klaren Durchblick zu erfreuen. Lieber tolerant in einer risikoreichen Ansammlung als stilisiert und haltlos auf sich selbst gestellt.
Deshalb sind die Bilder hier auch als Paare angeordnet, wobei zwei zusammen mehr zeigen können als zwei einzelne.
Das Leben der Objekte ist eng ans Leben der Menschen gebunden. Es lässt sich eine Vergangenheit ablesen und eine Gegenwart der Leute erraten, die diese Objekte mit sich tragen, schenken, kaufen oder plötzlich erhalten haben. Die Dinge gehören zu den Menschen, auch wenn sie nur eine Mauer sind, die den Mann vor sich erstrahlen lässt (siehe „Ins Bild gelaufen – wozu?’“), oder ein vor Staub ausgetrocknetes Schaufenster, das aller ablaufenden Zeit zum Trotz an die ukrainisch-polnische Freundschaft erinnert („Ukrainisch-polnische Freundschaft“).
Wie auf dem Markt wendet sich der Blick zuerst dahin, wo am meisten versprochen wird. Der kleine Markt in Uzhgorod ist in seinem Treiben größer und mächtiger als das Rheincenter im Dreiländereck. Und nicht nur, weil heute selten jenes von gestern zu finden ist; sondern weil alles so gedrängt daliegt und zur Masse verkommt. Die Suche wird spannungsreicher, je enger der Abstand ist zwischen den Auslagen. Zählt man die Arten, die Dinge in ihrer Auswahl, gibt es nur wenige. Wiegt man die Mengen und nimmt man ein beliebig Einzelnes als ein Einziges, so findet man sich vor immensen Massen wieder. Ein besonderer Fund im Ewiggleichen des Angebots bedeutet hier aber wahrhaft doch, ein Individuelles entdeckt zu haben. Mannigfaltigste Seltenheiten gibt es, denn der Überraschungen sind viele. Meine tägliche Suche nach Besonderem wurde zum Versuch, über solche Merkmale gar das ganze Land zu beschreiben – vergeblich. Denn je mehr ich suchte, desto mehr fand ich, und die Sammlung vieler Bilder zur Beschreibbarkeit nur eines einzigen nimmt kein Ende.
Da, wo sich das Leben um Zufälle und Überraschungen herum bewegt, ist das Objektiv mit Vorliebe auf Ruhe eingestellt. Weshalb auch immer, selten bleibt man auf ukrainischen Straßen lange stehen. Aber die Augen sind doch frei. Der Blick wandert weiter, wenn die Füße an der Ampel schon stehen geblieben sind; er schaut zurück und bleibt an etwas hängen, während der Körper im Verkehr vorwärts gedrängt wird. Immer haftet da ein Äußeres in der Wahrnehmung und bewahrt sich auf. Als wären diese Objekte nicht nur ins Leben eingebunden und aus festem Material geformt, sondern auch der konkrete Träger der Erinnerung: Ein Ausschnitt der Wirklichkeit durch die Wahrnehmung einer Komposition.

Der Czernowitzer Künstler Oleg Ljubkivskij wertet die Dinge im Raum dahingehend um, dass er ihnen Platz zum Dasein einräumt, indem er sie isoliert; dass er sie zeigt und ans fremde Auge heranführt, indem er sie erst ins Bild setzt und zum Träger seiner Kultur, vor allem aber einer Geschichte macht, die in der Vergangenheit über die eine Kultur weit hinausführt.
Ihm sind diese Bilder gewidmet.


 

© foto judita | Judith Schifferle Email | comment





 

Uzhgorod, Februar 2007

Uzhgorod, Februar 2007

  


 

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