Der Großteil der hier gezeigten Fotografien bildet den Anfang einer Serie Ukraine-Bilder, die im August 2006 begonnen wurde. Alle Fotografien sind analog (Kamera: Nikon 801s, Filmpapier: Kodak Pro Foto Professional 100) und ohne ästhetische Nachbearbeitung entstanden.
Dabei drängten sich die Orte dieser für die Fotografin einjährigen und (noch) fremden ukrainischen Heimat mit ihren verborgenen oder verletzten Schönheiten geradezu auf. Es sind sowohl Momente der Beiläufigkeit und wie nur zufällig in den Blick gefallener Details; als auch nach längerer Suche gefundene Feinheiten und Objekte ästhetischer Sorgfalt. Gegenstand und Gegenwart des historischen Umfeldes der Westukraine (Czernowitz, Lwiw, Uzhgorod) schienen sich im Laufe des Aufnehmens dem Auge der Kamera selbst zu nähern.
Das Fotografieren und die anschließende Auswahl der Sujets gaben Anlass zu einer Hinterfragung der Bildhaftigkeit und Bildwerdung dieser Orte überhaupt. Der vorerst selbst nur als „fremd“ gedachte Blick der Fotografin bekam durch gemeinsame Betrachtungen und Gespräche mit Menschen vor Ort eine Objektivierung bzw. neue Fremdheit, die sich auf die Bilder als solche bezog und nicht mehr a priori auf das Fremdsein der Fotografin.
Die Vielheit von Formen, Farben und Formaten sind allem voran das Ergebnis einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Abbrüche kultureller Entwicklung vor allem des 20. Jahrhunderts stehen als lebendige und im Laufe der ukrainischen Geschichte hybrid gewordene, fragende Zeugnisse vor der Betrachterin: z.B. Häuser, Zäune, Gegenstände des öffentlichen Raums. Jeder Unterbruch ukrainischer Kulturgeschichte ist als Abbruch sichtbar verzeichnet. Nicht aber der Abbruch selbst, sondern dass und wo er verzeichnet ist, kann jenen zu einem historischen Erlebnis der Gegenwart werden, denen sich diese Erfahrungen in der Vergangenheit nicht selbst in den Leib geschrieben haben.
Im Vorgefundenen an Formen, Farben und Formaten können sich beim Hinsehen Rahmen bilden, wenn das gegenwärtige Laboratorium härtester Gegensätze der Ukraine ausgehalten werden kann. Die Gegensätze wirken absurd und paradox. Aber Grund und Boden dieser Aufnahmen ist nicht nur ein solcher, der eigene und fremde Fragen an die Gegenstände stellt, sondern auch ein Terrain bildet von tausend Antworten, wobei mindestens drei unterschiedliche die eine und dieselbe Frage zu klären versuchen. Das Verborgene, aus dem die Gegenstände (durch die Kamera) sichtbar gemacht werden, bleibt an ihnen haften.
Fremde Selbstverständlichkeiten verwirren und entwirren zugleich. Und vielleicht lässt sich so ein Bild der Ukraine aus kleinen, scheinbar zusammenhangslosen Bildern herauslesen. Es ist ein Land, in dem einem trotz, aber auch mit allen Umständlichkeiten des Alltags, Türen geöffnet, Gitter und Zäune aufgerissen werden, um von außen nach innen und vom Innern aus einem offenen Fenster in ein lebendiges Museum hinauszublicken.
Judith Schifferle